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Zum 10-jährigen Todestag meines Kindes (2006)

Oktober 1996:Heute Nacht, fast 6 Monate nach meinem Schwangerschaftsabruch, habe ich mich entschlossen für die Rahel-Frauen meine Geschichte niederzuschreiben. Es fällt mir schwer meine Gefühle und Erfahrungen zu Papier zu bringen.

An einem Morgen in der Adventszeit, einen Tag vor Heilig Abend, genießen mein Mann und ich unsere Zweisamkeit und plötzlich ist es passiert. Im ersten Moment bin ich aufgeregt, dann muss ich lächeln: „ Wenn daraus ein Kind entsteht, wird es wohl ein glückliches Kind." Mein Mann ist negativ eingestellt und spricht von der Pille danach. Ich lehne diese Pille ab, weil sie für mich schon eine Abtreibung bedeutet. Er akzeptiert meine Einstellung.

Zwischen den Tagen denke ich über unseren Unfall nochmals nach. Ich fühle schwanger zu sein. Ich bin unruhig, unausgeglichen, unentschlossen .... Gefühle die ich von meinen beiden Schwangerschaften her kenne. Auch meine erste Schwangerschaft war ungeplant, aber nicht unerwünscht. Ich habe damals meinen Beruf als Ingenieur aufgegeben, mich meinen Kindern gewidmet und es nie bereut. Ich war immer gegen Abtreibung, weil mein Bauch mir gehört; dem neuen Leben in mir, meinen Kind, möchte ich helfen, sich die Welt zu erobern.

So wird also unsere Familie größer. Es belastet mich nicht, mir ist aber klar, dass es Anpassungsschwierigkeiten während meiner Schwangerschaft und auch nach der Geburt unseres dritten Kindes geben würde.

Zu Beginn des neuen Jahres stirbt nach langer Krankheit die Lebensgefährtin meines Vaters an Lungenkrebs. Ich bin traurig wegen ihres Schicksals, aber gleichzeitig für meinen Vater eine Vertraute in seiner Trauer. Es ist für uns alle eine schwierige Zeit.

Dann bekomme ich Rückenschmerzen, ähnlich den Periodenschmerzen. Bin ich doch nicht schwanger? Daraufhin mache ich einen Schwangerschaftstest, der mir Klarheit bringt.

Mein Mann und ich sind dann doch niedergeschlagen. In unserem Alter, 39 und 36, noch ein Kind. Schaffe ich die Schwangerschaft? Ab 35 ist man eine Risikoschwangere. Die 2. Schwangerschaft war schon problematisch. Wird das Kind gesund? Von einer Freundin hatte ich von Fruchtwasseruntersuchungen gehört und wir entschließen uns zu diesem Schritt.

Meine jüngste Tochter bringt aus dem Kindergarten ein Plakat mit. Es hat DIN A2-Größe; ist weiß; mittig ist ein Puzzle-Teil, handrückengroß, aufgezeichnet, auf dem ein Kleinkind, das gerade an Händen geht, von hinten zu sehen ist . Am oberen Rand steht „ Nicht einsam“ und am unteren Rand „sondern gemeinsam“. Ich hänge das Plakat in unseren Flur und fordere jeden auf hier Namen für unseren Nachwuchs zu notieren.

Ich gehe zu meinem Frauenarzt und der stellt die Schwangerschaft mit Hilfe von vaginalem Ultraschall fest. Als mein Arzt das Kind entdeckt hat, sagt er:" Da haben wir ihn." und ich muss lächeln. Bei einem der nächsten Vorsorgeuntersuchungen machen wir einen Termin zur Fruchtwasseruntersuchung ab. Ich war damals in der 6. oder 7. Woche und diese Untersuchung sollte erst in mehr als 2 Monaten sein.

Inzwischen hat auch wieder die typische Schwangerschaftsübelkeit begonnen. Die Abneigung und der Ekel gegen Speisen und Gerüche war viel stärker als bei den ersten Schwangerschaften. Je weiter die Schwangerschaft fortschreitet, um so unwohler wird mir wegen dieser Fruchtwasseruntersuchung. Ich lese darüber und mir wird klar, dass diese Untersuchung die Frage nach einer Abtreibung nach sich zieht. Ich befrage meinem Bekanntenkreis. Manche kennen diese Untersuchungen nicht, andere sagen, das hätte ihre Freundin auch schon gemacht, das Kind sei aber gesund. Eine Bekannte, eine Krankenschwester, Mutter von 2 Kindern, sagt mir ganz offen, sie würde bei Down Syndrom abtreiben lassen, weil sie miterlebt hat, dass Familien dieser Belastung nicht gewachsen waren und daran zerbrochen sind. Bis dato hatte ich noch nie ein Gespräch über Abtreibung. Ich bin sehr beeindruckt von ihrer Einstellung.

Ich bin mit mir nicht im Reinen. Ich will mich nicht an das Kind gewöhnen und doch freue ich mich auf unseren Nachwuchs. Ich kaufe keine Babysachen und doch richte ich in Gedanken unsere Wohnung für das dritte Kind ein. Und ich habe Angst.

Zu dieser Angst geht es mir körperlich nicht gut und ich mache mir Gedanken um meinen Vater, der sehr trauert. Im März habe ich eine fiebrige Bronchitis. Ich nehme keine Medikamente, weil sie dem Kind schaden könnten. Die Beckenbodenmuskulatur schmerzt bei längerem Gehen. Die Übelkeit endet auch nicht nach der 12. Woche sondern bleibt unverändert. Ich bin wie gelähmt; ich bin nur noch müde; jeder Handgriff fällt mir schwer. Bis zu den Ostern habe ich 8 Kilo abgenommen.

Die mögliche Abtreibung läßt mir keine Ruhe. Ich spreche mit der Ärztin, die die Punktion vornehmen wird.
Ich frage sie weinend: „Wie wird eine Abtreibung in der 18. oder 20. Woche durchgeführt?"
Antwort:" Es wird eine Geburt eingeleitet."
Ich frage:" Ja aber das Kind. Es ist doch zu diesem Zeitpunkt schon vollständig entwickelt. Das Kind stirbt doch dann."
Antwort: „Machen Sie sich doch nicht so große Sorgen. Wir wollen ja beweisen, dass ihr Kind gesund ist.“

Wahrscheinlich hat sie recht. Noch nie hat eine Vorsorgeuntersuchung bei mir oder den Kindern irgend ein negatives Ergebnis gebracht. Ich will positiv denken und mich nicht verrückt machen wegen einer sehr unwahrscheinlichen Sache. Die ganze Situation ist schwer genug.

Ich sage den Termin nicht ab.

Ich lasse die Entnahme machen und habe keinerlei Bedenken, dass ein pathologischer Befund zustande kommt. Für mich im Stillen entscheide ich, dass ich ein Kind, das nicht leben kann, abtreibe ansonsten das Kind bekommen werde. Ich konzentriere mich darauf, uns alle auf unser neues Familienmitglied vorzubereiten. Ich rede viel mit den Kindern darüber was sich bei uns ändern wird. Wir packen gemeinsam meine bzw. ihre Erstlingsausstattung aus. Wir organisieren wer welches Zimmer bekommt. Die Kinder akzeptieren sogar, dass unser Mini, so nennen wir unseren Zuwachs, im elterlichen Schlafzimmer sein Bett aufgestellt bekommt. Wir legen zusammen ein Pflichtenheft für die Taufe unseres Minis an.

Gesundheitlich geht es mir in der 19. Woche auch besser. Ich kann Milch trinken und nehme jetzt auch endlich zu. Ich nähe an diesem Wochenende für mich einen Schwangerenträgerrock. Meine Familie hat sich über diese Kleidungsstück amüsiert und es als „ Kelly"-Kleidung bezeichnet.

20.Woche, Montagmorgen, kurz vor Mittag ruft mein Gynäkologe an und teilt mir mit, dass eine freie Trisomie festgestellt wurde. Er bietet mir eine Beratung an.

Jetzt steht mir eine schreckliche Abtreibung bevor. Ich fühle mich betrogen. Ich habe das Kind doch gewollt. Ich wollte es in meine Familie aufnehmen. Warum bekomme ich ein Kind, das die Familie kaputtmacht?

Kurz nach Mittag sind mein Mann und ich bei meinem Arzt. Ich frage den Arzt, ob eine Verwechslung der Probe möglich ist. Am Tag der Entnahme war in der Praxis noch eine Fruchtwasserpunktion und wir hatten beide Proben zur Humangenetik gebracht. Der Arzt schließt diese Möglichkeit aus.

Er erläutert die Krankheit und rät mir zum Abbruch. Seine Argumente , z.B. die Familie bricht auseinander, die Mutter weiß nicht mehr warum sie lebt, sind die gleichen die ich auch schon früher gehört habe. Er sagt zu mir, dass er mich nicht beraten hätte, sondern mir den Rat gibt, es zu tun, solange noch Zeit ist.

Nach diesem Gespräch verstehe ich freie Trisomie als schwere Form von Mongolismus. Das Kind würde nicht fähig sein mit mir Kontakt aufzunehmen, später würde es sexuell gefährlich werden. Dass mein Arzt mir zur Abtreibung rät, damit hatte ich nicht gerechnet.

Mein Mann bittet mich es zu tun.

Mein Arzt schlägt mir vor mit seiner Kollegin zu sprechen, die jetzt auch in der Praxis ist. Die Ärztin schlägt dann noch eine Beratung in der Humangenetik vor. Ich lehne das ab, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass mir Fremde in dieser Situation helfen können.

Mein Arzt stößt zu unserem Gespräch und ich frage, wo solch ein Abbruch gemacht wird. Ich entschließe mich für ein Krankenhaus in der Stadt und bitte meinen Arzt einen Termin für morgen früh abzumachen. Er zögert einen Moment, dann stimmt er zu und geht zur Anmeldung um anzurufen.

Ich habe einen Termin - einen Termin zur Abtreibung - morgen 8 Uhr im Krankenhaus.

Nachmittags fahre ich zu meiner schwangeren Freundin. Sie ist 6 Wochen weiter als ich. Bei ihr hatte die Fruchtwasseruntersuchung keinen pathologischen Befund ergeben. Als sie ihr Ergebnis hatte, weinte sie vor Freude. Sie sagt, dass sie bei diesem Ergebnis abgetrieben hätte, weil sie der Meinung ist, es nicht zu schaffen 2 gesunde Kinder und noch ein schwerkrankes behindertes Kind.

Wieder zu Hause angekommen, wartet zufällig eine Freundin bei mir. Sie gesteht mir, sie habe auch vor Jahren medizinisch indiziert abgetrieben und befürwortet die Entscheidung.

Ich beginne meinen Koffer zu packen. Ich packe ihn genauso wie zur Geburt meiner Töchter. Ich packe meine Nachthemden mit Knopfleiste vorne, die ich mir zum Stillen gekauft habe, ein. Zur Geburt meiner Töchter habe ich Söckchen getragen. Ich kaufe mir an diesem Mittag neue Söckchen und neue Hausschuhe. Ich suche mir ein Fachbuch aus, packte es auch in die Tasche.

Abends erreiche ich erst meine Mutter. Ich eröffne ihr, dass das Kind krank ist und ich morgen abtreiben werde. Sie schreit leise auf:“ Nein!“ Dann sagt sie: „ Doch, tu es.“

In dieser Nacht zum Dienstag habe ich nicht geschlafen: Ich weiß es jetzt. Ich muss es tun, sonst hilft mir im Leben keiner mehr. Ich habe es versprochen. Hoffentlich bewegt es sich nicht! Ich stehe entweder um 6 Uhr auf und ziehe den Abbruch durch, oder bleibe liegen und spreche nie mehr davon.

Kurz nach 6 Uhr stehe ich auf. Es ist kein Kind. Es ist ein Monster, das mir meine Familie wegnehmen und mich in Ketten legen will.

Auf der Fahrt zum Krankenhaus denke ich so etwas wie ein Gebet: Gott, dies ist der erste Weg, den ich beschreite, auf dem ich dich nicht bitten kann, mit mir zu gehen, aber ich muss es tun!

Um 8 Uhr sind wir in der Klinik. Wir warten in einem Krankenzimmer. Mein Mann erledigt den Papierkram. Ich bin nüchtern und deshalb ist mein Kreislauf nicht besonders. Ich fühle mich schlapp. Ich fülle verschiedene Formulare aus und unterschreibe einige Erklärungen. Man nimmt mir Blut. Mein Mann fährt nach Hause zu den Kindern.

Am späten Vormittag kommt ein Arzt. Er erläutert den Eingriff. Meiner Freundin wurde damals ein Kaiserschnitt gemacht und ich frage ihn danach. Der Arzt lehnt den Kaiserschnitt ab. Damit ich nicht auch noch Schmerzen erleiden müsse, schlägt er eine Periduralanästhesie vor. Ich stimme zu.

Um 13 Uhr wird das erste Zäpfchen eingelegt. Ich soll mich hinlegen und ruhig halten. Später wird dann eine Infusion zur Stabilisierung des Kreislaufes angehängt.

Ich liege allein in dem Krankenzimmer, halte mich ruhig und versuche nicht zu denken. Mein Mann kommt nochmals kurz und fährt dann wieder heim.

Um 19 Uhr kommt ein anderer Arzt, untersucht mich und sagt, dass sich noch nichts getan hätte. Er vermutet, dass es morgen früh werden wird.

Er legt das 2.Zäpfchen ein. Dann werde ich im Bett zur Anästhesie gefahren und bekomme den Rückenmarkkatheder gelegt.

Wieder zurück im Zimmer fange ich doch an zu überlegen. Es passiert ja nichts. Vielleicht kann ich aufhören. Aber die Ärzte hier helfen bei diesem Abbruch. Sie möchten nicht , dass ich Schmerzen erleide. Ist es richtig ? Ich möchte mit meinem Mann morgen wieder sprechen.

Ein leichtes Ziehen ist zu spüren.

Ich spüre einen Ruck. Meine Beine sind nass. Die Fruchtblase ist geplatzt. Es ist zu spät. Ich klingele der Krankenschwester. Es dauert bis jemand kommt. Ich will mich frisch machen, sie steckt mir einige Vorlagen zwischen die Beine. Es ist circa 22 Uhr. Der Arzt steht in der Tür. Die Krankenschwester sagt zu ihm, dass sie glaubt das Kind gesehen zu haben. Im Bett werde ich durch endlose Gänge zum Kreissaal gefahren. Dort liege ich in einem Zimmer, das komplett für eine Geburt eingerichtet ist. Mein Blick geht ständig zu dem Babybettchen. Eine Hebamme kommt zu mir ins Zimmer. Ich frage sie, ob es nicht schlimm für sie wäre, dass jetzt ein Kind stirbt. Sie hält mir die Hand und sagt, dass es in Ordnung sei. Sie fragt, ob ich mein "Kindchen" sehen will. Ich lehne dies entsetzt ab. Für mich ist es schlimm, dass das Kind stirbt. Ich habe Angst wegen dieser gräulichen Tat sterben zu müssen. Mein Mann ist inzwischen gekommen. Ich weiß nicht mehr, warum ich wert darauf gelegt habe, dass er zum Schluss anwesend ist. Nach Mitternacht kommt der Arzt und sagt, dass es nun soweit sei. Ich soll in ein anderes Bett. Mein Beine zittern. Man hilft mir in das andere Bett zu kommen. Ich möchte wieder zu meinen Kindern.

Im OP bereitet man den Eingriff vor. Ein Arzt mit Atemschutz fragt, ob ich ihn kenne. Ich nicke. Meine Arme werden angeschnallt. Es kommt nochmals ein Arzt mit Atemschutz und fragt, ob ich ihn kenne. Ich nicke. Ich will sterben. Ich hoffe, dass ich aus der Narkose nicht mehr erwache. Die Narkose beginnt.

Ich bin doch wieder wach geworden. Ich bin überrascht. Mein Mann ist in der Nähe. Von der Narkose bin ich benommen. Ich erbreche. Nach einer gewissen Zeit komme ich wieder in das Krankenzimmer. Mein Mann bleibt bei mir. Gegen Morgen sage ich zu ihm, dass er heim fahren kann.

Ich möchte duschen. Der Katheder wird entfernt. Ich dusche. Während dessen kommt eine weitere Patientin in mein Zimmer. Sie ist behindert. Ich schäme mich entsetzlich vor dieser Frau. Ich gehe im Flur auf und ab und bitte den Arzt um ein Gespräch.

In diesem Gespräch frage ich, ob das Kind nun wirklich schwer krank war. Der Arzt sagt wie schwer die Behinderung gewesen wäre, konnte man in diesem Stadium nicht feststellen. War ich richtig informiert? Oh Gott, mein Kind hatte nie eine Chance. Ich möchte nicht im Krankenhaus bleiben. Der Arzt ist einverstanden, möchte mich noch abschließend untersuchen und schlägt mir nun erst ein Gespräch mit der Psychologin des Krankenhauses vor.

Die Psychologin holt mich ab. Wir gehen in ihr Zimmer. Sie erzählt von einer Frau, die sie öfters sieht. Ihr Down-Kind ist 2 Jahre. Es ist fröhlich. Die Frau geht jeden Tag zur Krankengymnastik. Das Kind hat laufen gelernt... Während ihren Ausführungen denke ich:" Sie weiß nicht, dass ich schon abgetrieben habe. Hätte sie doch gestern mit mir gesprochen." Mir wird schlecht, ich breche das Gespräch ab und gehe in mein Zimmer.

Der Arzt untersucht mich. Es ist alles in Ordnung. Ich soll mich noch einige Tage schonen. Ich spreche ihn darauf an, ob er es in Ordnung fände, was ich getan habe. Für ihn sei Abtreibung eine ungeliebte Pflicht. In meinen Fall wäre es sicherlich die richtige Entscheidung. Ich hoffe, dass er recht hat.

Ich verlasse das Krankenhaus mit Zweifeln, ob es richtig war. Meine Mutter hat sich Urlaub genommen. Sie kocht für uns und versorgt die Kinder. Zu Hause hänge ich als erstes das weiße Plakat, das inzwischen voller Namen ist, ab. Meine große Lüge!

Mittags fahre ich zu den Freundinnen und berichte ihnen, dass ich es getan habe. Ich erzähle nur meinen engsten Freunden von der Abtreibung, ansonsten spreche ich von einer Fehlgeburt. Ich habe Angst, irgend jemand würde zu meinen Kindern sagen, eure Mutter hat das Kind umgebracht.

Am nächsten Morgen beim Frühstück sage ich zu meinem Mann:“ Und das Kind! Niemand hat an das Kind gedacht.“ Er antwortet:“ Es war noch kein Kind. Die Entscheidung war richtig.“

Ich räume die Babysachen weg und verschenke alle Kleidung, die mich an die Schwangerschaft erinnert. Es geht mir immer schlechter. Ich werde nervös und weine. Ich habe Angst vor dem Alleinsein. Ich bin ein Mensch ohne Rechte, der nur noch seine Pflichten zu erledigen hat. Wenn ich alt und krank bin, werde ich auch abgetrieben.

In der 2. Nacht nach dem Abbruch läutet das Telefon. Mein Mann steht auf. Mir geht nur der eine schreckliche Gedanke durch den Kopf:" Jetzt ist jemand aus meiner Familie gestorben, weil ich das Kind abgetrieben habe" Ich habe fruchtbare Angst. Jemand hat sich verwählt; ich kann nicht mehr schlafen.

In den nächsten Tagen werde ich immer nervöser, ängstlicher. Ich fühle mich bei anderen Müttern wie eine Aussätzige und vermeide Gespräche. Meine beiden Töchter sind mir plötzlich fremd. Ich ertrage ihre Nähe nicht. Wenn ich sie umsorgen muß, zerreißt es mich innerlich. Wenn sie außer Haus sind, habe ich Angst, ihnen stößt etwas zu. Ich weiß nicht, ob ich nun Täter oder Opfer bin.

Ich kann nachts nicht schlafen. Ich wache nach kurzer Zeit wieder auf. Mir ist dann als ob mein Magen explodiert. Ich denke schon an die Abtreibung bevor ich wach bin.

Ein Traum bleibt mir in Erinnerung: Ich bin gestorben und gehe auf einem einsamen Feldweg den Berg hinauf. Es ist sonnig. Rechts und links sind Wiesen. Ich gehe durch ein antikes Tor. Hinter dem Tor steht ein kleiner, häßlicher alter Gnom und spricht mich an:" Mama, warum hast du für mich nichts getan?"

Es ist Frühling . Ich höre früh morgens die Vögel zwitschern. Das kann mein Kind nie erleben. Ein fruchtbarer Schmerz geht durch mich. Oder hätte das Kind es nicht wahrgenommen? Wie behindert wäre denn nun mein Kind? Ich weiß es nicht genau.

Morgens bringe ich die Kinder zur Schule und Kindergarten. Wenn ich dann alleine bin, fange ich an zu weinen. Oft mache ich Pläne, was ich tun würde, wenn das Kind zur Welt käme. Manchmal fahre ich zu einer Freundin und frage ob es richtig war. Sie trösten mich. Dieser Trost hält aber nie lange an und ich weine und zittere wieder.

Ich kaufe meinen Kindern die CD Abenteuerland von PUR. Wenn ich den Song „Leben“ höre, habe ich das Gefühl, dass ich dort angesprochen werde.

Der Text lautet: Wie konntest Du das Tun? Hast Du nichts dabei gefühlt? Was nahm Dir all die Skrupel, all die Scham? ... Du hast als Richter, Henker ihre Zukunft geraubt. Wie kann ein Mensch zum Unmensch werden? Das höchste Gut mit Füßen treten.

Leben - mehr als nur zu überleben. Leben - das ist Ursprung und Ziel. Leben - als kleiner Teil des großen Ganzen Lebenswert zu sein....

Ich habe eine eugenische Säuberung innerhalb meiner Familie vorgenommen.

Die Kinder sprechen nicht sehr viel von unserem Mini. Die Älteste drückt sich an mich und sagt zu mir: "Unser Mini konnte sein ganzes Leben mit dir kuscheln" und meint damit, dass ich es getragen habe. Mir ist elend.

Die andere Tochter denkt an meine schwangere Freundin und fragt :" Weiß der Jan, dass er auf die Welt kommen wird?" Kinder sind doch die größten Philosophen.

Während einem langen Wochenende fahren wir an den Schluchsee im Schwarzwald. Ich genieße die Natur und die Ruhe um mich herum. Am 2.Tag unternehmen wir eine Schiffrundfahrt auf dem Schluchsee. Das Wetter ist schön und ich bin relativ gelassen. An der nächsten Anlegestelle steigt eine kleine Gruppe zu uns ein. Es sind 3 ältere Frauen um die 60 oder 70. Eine der Frauen hat ihr Kind dabei: ihr erwachsenes Down-Kind. Sie führt ihn an der Hand und weist ihm einen Platz zu. Welch eine Verantwortung in ihrem Alter. Aber sie kann stolz auf sich sein. Sie hat es geschafft. Die Gruppe steigt vor uns aus. Das Schiff schwankt, während der Sohn den Gang entlang geht, und er muss sich festhalten. Er ist überrascht und lacht laut. Er hat das erstaunte Lachen eines kleinen Kindes. Ich bin wieder niedergeschlagen.

Sieben Wochen nach der Abtreibung kann ich nicht mehr. Ich bitte meinen Gynäkologen um eine Überweisung zur Frauenklinik. Der abtreibende Arzt hatte mir seine Hilfe angeboten, falls ich nicht klar käme. Weiter schlägt mein Gynäkologe eine Beratung am Institut für Humangenetik vor.

Der erste Termin ist in der Humangenetik. Wir sprechen über Down Syndrom. Am Ende des Gesprächs wird mir klar, dass es nicht die richtige Entscheidung war. Das Kind hätte ein Leben gehabt. Wie gut sich das Kind entwickelt hätte, wäre zum Großteil von mir abhängig gewesen.

Der Psychologe der Humangenetik bietet mir seine Hilfe an. Den Termin in der Frauenklinik sage ich ab.

Ich frage jetzt nicht mehr, ob die Entscheidung richtig wäre. Die Angstzustände werden schwächer. Allerdings weine ich mehr als vorher. Ich sondere mich von meiner Familie ab. Die gemeinsamen Mahlzeiten sind mir eine Qual. Wir sind nicht mehr komplett. Ein Mitglied unserer Familie fehlt.

Ich denke ständig darüber nach, wie es dazu kommen konnte. Ich will alles durchdenken, damit mir eine Abtreibung nicht mehr passiert. Ich bin schuld. Wie kann ich es wieder gut machen?

Ich esse nicht mehr richtig. Ich erledige nur noch meine Pflichten.

Mit dem Psychologen der Humangenetik spreche ich über Pränatale Diagnostik, Down Syndrom und die Abtreibung. Ich frage ihn wie das Kind gestorben sei. Nachdem die Fruchtblase gesprungen war, wäre die Versorgung nicht mehr gewährleistet gewesen. Es ist sehr schnell gegangen, ist seine tröstende Antwort. Durch diese Gespräche habe ich den Mut über das Geschehen nachzudenken.

Vor Schuljahresende habe ich viele Verpflichtungen in Schule und Kindergarten. Ich trinke zur Beruhigung bevor ich zu den Festen oder Sitzungen gehe.

Mit einem Kindergottesdienst beendet meine Jüngste ihre Kindergartenzeit. Mir ist unwohl in die Kirche zu gehen. Habe ich noch ein Recht dazu? Während der Messe fühle ich mich entspannt und gelöst.

Ich denke ständig an die Abtreibung und mache mir Vorwürfe, dass ich die Amniozentese nicht abgesagt habe. Ich fühle mich am besten, wenn es mir schlecht geht. Wenn ich entspannt bin, kommt ein schreckliches Gefühl irgendwo aus einem Winkel meines Körpers und sagt mir, dass ich eine Mörderin bin. Ich hasse dieses Gefühl. Ich grübele über die Abtreibung nach bis mir schlecht ist. Die Entscheidung von damals ist so endgültig.

Was das Kind wohl gefühlt hat, als es von dem einzigen Platz an dem es leben konnte vertrieben worden ist. Hatte es solche Gedanken wie „ Umgebung, ich muss hier bleiben. Nur hier kann ich existieren."

Ich habe in der 20. SSW-Woche erfahren, dass mein Kind mongoloid ist und konnte mit Hilfe von Ärzten furchtbar reagieren. Wäre mein Kind normal zur Welt gekommen und ich hätte es dann abgelehnt, hätten die Ärzte dem Kind geholfen. Was liegt zwischen diesen 20 Wochen?

An meinem Geburtstag , circa 4 Monate nach der Abtreibung, kommt meine Tochter morgens in mein Bett. Will sie mir gratulieren ? Ich fange an zu zittern; mir wird übel. Sie ist noch schlaftrunken, legt sich neben mich und schläft wieder ein. Ich weine leise. An diesem Tag weine ich dauernd. Liebe Menschen kommen um mir zu gratulieren. Ich kann es nicht ertragen. Gerne wäre ich alleine.

Am nächsten Tag haben wir einen Kurzurlaub geplant. Ich fahre nicht mit. Das erste Mal, dass die Kinder und ich mehr als eine Nacht getrennt sind.

Ich unternehme während ihrer Abwesenheit nichts. Ich liege im Bett, stehe auf und lege mich auf die Couch und gehe dann wieder ins Bett. Wenn ich alleine bin, ist mein Kind noch bei mir.

Sonntags kommen sie zurück. Sie drücken sich an mich. Sie sind froh mich wieder zu sehen und erzählen von ihrem Urlaub. Mir ist elend. Ich werde erdrückt von ihrer Freude.

Es muss etwas geschehen. Montags gehe ich zu meinem Hausarzt, lasse mir Tabletten gegen Depressionen verschreiben. Die Tabletten wirken auf mich sehr stark. Ich setze sie wieder ab.

Mir wird schlecht und manchmal bekomme ich sogar Migräne, wenn jemand zu mir sagt, dass meine Entscheidung richtig wäre und vermeide dieses Thema von nun an.

Ich besorge mir Literatur über Abtreibung. Das Buch „ Werde ich morgen weinen" von Susan Stanford macht mir Mut. Susan Stanford verstößt auch gegen ihre Ideale, treibt ab und kommt auch nicht damit klar. Ich bin also nicht die Einzige, die es tut und nicht klar kommt.

Ich bin kein schlechter Mensch, aber ich habe Unrecht getan. Ich war zu feige dieses Kind anzunehmen. Um es wieder gut zu machen - es ist nicht mehr wirklich gut zu machen - stelle ich mich bei 3 Organisationen , mit Thema Familie und Natur, als ehrenamtlicher Helfer zu Verfügung. Es geht mir besser, wenn ich für jemand etwas tun kann.

Eine Einrichtung der Lebenshilfe in einem Nachbardorf hat Tag der Offenen Tür. Mit einer Angestellten unterhalte ich mich. Hier hätte mein Kind und ich Hilfe bekommen. Ich möchte der Stiftung meine Hilfe anbieten, unterlasse es aber doch, weil ich mich gegenüber diesen Frauen wie eine Verbrecherin fühle.

Ich fange an Musik zu hören. Musik zur meditativen Entspannung. Ich höre den Song „Earth Prayer". Ein Gebet an die Mutter Erde. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich diese CD höre. In dem Instrumental-Song Floating on Warm Air" wird für mich der Platz beschrieben, wo ich mir wünsche, dass mein Kind jetzt ist. Ich höre beide Titel sehr oft. Ich stehe nachts auf und höre diese Musik zur Entspannung. Auf Kassette höre ich sie auch im Auto, wenn ich alleine umherfahre.

Was ist mit dem Kind geschehen, als es geboren war. Die Ärzte haben noch Fotos gemacht. Und dann? Ich möchte die Fotos haben. Sie gehören mir. Ich nehme mir Mitte September einen Termin in der Frauenklinik. Ich frage unter anderem:“ Wie ist das Kind gestorben?“ Der Arzt sagt, dass es durch das Medikament gestorben sei. Allein im Auto öffne ich den Umschlag. Er enthält 2 Fotos: einmal mein nacktes Kind und dann das Kind eingewickelt in eine Decke als ob es schläft. Sein Daumen zeigt in Richtung Mund als ob es Daumenlutschen wollte, wie seine Schwester als Baby. Titel des Umschlags ist “Fotos Fet Müller“.

Nach 5 Monaten nehme ich Kontakt zu Rahel auf. Die Gespräche mit Rahel-Frauen und auch ihre Broschüre geben mir sehr viel. Ich weiß jetzt, dass viele Frauen Probleme damit haben und sich die Probleme ähneln. Dies ist ein echter Trost für mich.

Jetzt mehr als 6 Monate nach der Abtreibung ist der Gedanke immer noch ständig präsent. Heute würde ich mein Down-Kind annehmen, aber ich kann nichts mehr für mein Kind tun. Am liebsten bin ich alleine. Ich lese immer noch über Abtreibung und schaue die Broschüre von Rahel durch. Meine Freunde meinen, ich hätte mich verändert.

Ich arbeite oft an dieser Beschreibung. Anschließend fühle ich mich leichter.

Eine gute Freundin hatte einmal gesagt, dass ich in dieser schweren Zeit keine Hülle gehabt hätte. Es ist traurig, dass das Kind damals keine Hülle gehabt hat, weder seine Mutter noch irgendeine andere Person.

Meine Geschichte habe ich nicht nur für Rahel aufgeschrieben. Ich werde sie meinen Kindern, wenn sie groß genug sind, zu lesen geben.

Nachtrag: 25.10.96. Ich war heute bei meinem Frauenarzt. Der Arzt in der Klinik und er spekultieren offenbar über den Grund meiner psychischen Probleme. Es ist niemand auf die Idee gekommen, dass ich um das tote Kind weine.

Nachtrag:28.10.96: Heute morgen habe ich diese Niederschrift einer Freundin zu lesen gegeben. Wir diskutierten dann wieder recht lange über die Abtreibung. Ich habe dieses Gespräch sehr gebraucht. Es hat mich erleichtert. Nachmittags machte ich Erledigungen in der Stadt. Die Grübeleien gingen wieder los. Während der Heimfahrt habe ich zum x-ten Mal im Auto geweint.