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Unschuldige Kinder

Kürzlich hatte eine meiner Töchter Geburtstag. Sie war ganz aus dem Häuschen, freute sich unbändig nun acht Jahre zu sein.

Für mich war dieser Geburtstag, genau wie andere Geburtstage auch, begleitet von sehr ambivalenten Gefühlen. Es kostet mich viel Energie diese Tage beherrscht zu überstehen.

Meine Gedanken wandern dann immer wieder zur Geburt meines Sohnes. Ich war in der 20. SSW als ich erfuhr, dass mein Kind, das ich unterm Herzen trug, behindert sein würde.

Mit einer riesigen Wut und panischer Angst ließ ich eine Abtreibung - nein es war keine Abtreibung - sondern eine Geburt - einleiten. Mit Zustimmung von mir, meiner Familie und der Gesellschaft wurde die Geburt meines Sohnes eingeleitet - allerdings mit der bösen Absicht, dass er diese Geburt nicht überleben solle.
Sonntags hatte ich die Erstlingsausstattung, die ich noch von meinen Töchtern hatte, ausgepackt. Da es mir während dieser Schwangerschaft nicht gut ging, wollte ich früh alles richten für die Ankunft meines dritten Kindes.
Montags kam dann die schlimme Nachricht. Ich war voll Panik, Wut und auch dumpfer Gelassenheit

Wie hat dieser abrupte Stimmungswechsel auf das Kind gewirkt? Hatte es auch Panik?
Dienstags ging ich direkt ins Krankenhaus. Die Geburt wurde eingeleitet. Drei oder vier Stunden nach dem ersten Zäpfchen war mein Bauch hart. Das Kind war eingeengt. Einer Situation ausgeliefert, die es nicht kannte. Wie empfand es diese Enge?
Nach circa 11 Stunden sprang die Fruchtblase. Die Plazenta schaltet die Versorgung allmählich ab. Keiner der Ärzte kam in dieser Zeit zu mir. Hatten sie Angst das Kind käme lebend zur Welt und sie müßten es versorgen? Eine Hebamme hielt mir während dieser fürchterlichen Zeit die Hand. Was geschah mit dem Kind in dieser Phase?

Hat es stumm geschrien: Ich muss hier bleiben! Nur hier kann ich leben! Hat es gekämpft? Ist es dann quasi erstickt?
2 Stunden nach Sprung der Fruchtblase kam ich in den OP. Ich wollte auch sterben. Einem Arzt wollte ich sagen, er solle die Narkose so stark machen, dass ich nicht mehr aufwache. Aber ich war so fertig, schaute ihn nur an und brachte kein Wort heraus. Unter Vollnarkose gebar ich mein drittes Kind.

War es schon tot?Ist es in mir gestorben? Ist es auf dem Weg ans Licht der Welt gestorben?

Ich weigerte mich das Kind anzuschauen und habe das Krankenhaus direkt am nächsten Morgen verlassen.
Mittwochs dann zu Hause war ich froh meine Töchter wieder zusehen.

Donnerstags morgens war er da, dieser mächtige Schmerz, der irgendwo in der Magengegend beginnt und sich im ganzen Körper ausdehnt. Der Schmerz darüber, dass mein unschuldiges Kind tot ist.
Später habe ich Fachleute gefragt, wie mein Kind gestorben sei.

Ein Psychologe sagte, es sei sehr schnell gegangen. Er wollte mich wohl trösten.

Ein Arzt, der auch an der Abtreibung beteiligt war, sagte, es sei durch das Medikament gestorben. Mit dieser vagen Aussage kann ich gar nichts anfangen.
Es ist wohl auch egal. Diese Fragen können nicht geklärt werden. Mein Kind wird es nie mehr geben .

Von meinem Kind, das ich zwar spürte aber nie gesehen habe, bleiben mir nur 2 Fotos, die die Ärzte nach der Geburt von ihm gemacht haben.