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Ich habe mein Kind getötet

Es war ein echter Alptraum: Ein Mann und seine Mutter gehen über den Friedhof - an einer Reihe von Kindersärgen vorbei. Sie klappen die kleinen Sargdeckel zu. Ich renne hinter den beiden her, reiße die Särge wieder auf und schreie: „Aber, die leben doch noch!"

Diesen und andere schreckliche Alpträume habe ich seit der Tötung unseres ersten Kindes 1959 oft geträumt.

Die Geschichte

Der Arzt, der die Schwangerschaft feststellte, sah mein Entsetzen. Als junge, unverheiratete Lehrerin fürchtete ich um meinen guten Ruf und hatte Angst vor der Zukunft. Obwohl die Abtreibung damals noch strikt verboten war, sagte er lapidar: „Das ist ja noch nichts, ein kleiner Eingriff und Ihr Problem ist gelöst!" So ruinierte ich in wenigen Minuten - für viele Jahre - mein weiteres Leben und der Arzt kassierte kräftig für den illegalen Eingriff.

 Doch schon bald hatte ich schwere Schuldgefühle, ich fiel seelisch in ein tiefes Loch und bin halb verrückt geworden. Mit Arbeit versuchte ich mich abzulenken und bin auch zur Beichte gegangen, doch meine schrecklichen Schuldgefühle blieben.

Die Aufarbeitung

 Heute weiß ich, dass ich viele Jahre unter dem „Post-Abortion-Syndrome" (PAS) litt, einem seelischen Leiden, das viele Frauen nach ihrer Abtreibung überfällt. Mehrere Entzündungen im Unterleib, Migränen und Depressionen belasteten mich.

 Ein Jahr nach der Abtreibung habe ich dann meinen damaligen Verlobten geheiratet und später nach mehreren Fehlgeburten drei gesunde Kinder zur Welt gebracht. Das PAS belastete nicht nur mich, sondern auch unsere ganze Familie.

 Erst 15 Jahre später begann ich in der Bibel zu lesen. Der Auslöser für mein Interesse an der heiligen Schrift waren starke Rheumaschübe, Knochenbrüche, die einfach nicht heilen wollten, sowie Depressionen und Schlaflosigkeit.

Ich erkannte die Wurzel meiner Probleme und lernte bewußt mit Gott zu leben. Nach und nach habe ich dann meine Vergangenheit aufgearbeitet und konnte Versöhnung erfahren.

Schritt für Schritt gelang es mir, die Verantwortung für den Tod meines Kindes zu übernehmen. Ich mußte ertragen, dass sein Tod unwiderruflich ist.

Dadurch ich wurde fähig, zu vergeben - Vergebung anzunehmen und im Glauben meine Schuld loszulassen.

Auch mein Mann, den ich kurz nach dem Verlust unseres ersten Kindes heiratete, suchte Vergebung.
Auf seinem Sterbebett entschuldigte er sich, dass er mich damals allein gelassen habe. 27 Jahre nach der Abtreibung - über die wir in unserer ganzen Ehe nie mehr gesprochen haben - suchte er Versöhnung.  Seit diesem bewegenden Abschied von meinem Mann weiß ich, dass die Tötung eines Kindes auch auf der Seele des Vaters Narben hinterläßt.